Gebt Tierheimhunden ein Zuhause

MALA erzählt (1)

Hallo liebe Leute, ich bin MALA und ein glückliches Schäferhundmädchen. Ich möchte Euch von meinem bisherigen Hundeleben berichten. Habt keine Angst, die Geschichte beginnt zwar denkbar traurig, aber am Schluss erwartet Euch ein echtes Happyend!

Wie alt ich bin, weiß ich nicht so genau und von meiner Kindheit und Jugend möchte ich ganz viel vergessen. Wenn ich daran zurückdenke, fällt mir nur ein dunkles, enges Loch ein, in dem ich mich sehr einsam fühlte. Stunde um Stunde, Tag um Tag, Monat um Monat, Jahr um Jahr verging, ohne dass etwas passierte oder ich aus diesem Verschlag herauskam. Meist habe ich versucht zu schlafen, obwohl mich Durst und nagender Hunger oft wach gehalten haben. Mein Bauch tat weh und meine Muskeln und Gelenke schmerzten. Flöhe, Würmer, Milben und sonstiges Ungeziefergetier machten mir zusätzlich das Leben schwer. Mein Fell war an vielen Stellen völlig ausgefallen, die Haut von Geschwüren bedeckt und jeder Knochen zeichnete sich unter der Haut ab. Ich kannte es nicht anders und hörte und roch, dass die anderen Hunde im gleichen Stall genauso eingesperrt und verwahrlost waren wie ich. Viel zu selten kam ein beängstigender, grober Mensch ans Gitter meines Gefängnisses, um vielleicht einen Wassernapf aufzufüllen oder gammelnde Knochenreste hinein zu werfen.

Meine Zähne, kaum dass sie sich gerade mal eben gebildet hatten, brachen bald ab und verzweifelt versuchte ich, aus den spärlichen Knochenabfällen mit Spucke und Kauleisten die anhaftende Sehnen- und Fleischfetzen herauszulutschen, die Maden, die oft daran wimmelten, waren fast das Beste daran. Ganz ehrlich, in dieser Zeit habe ich mir angewöhnt meine eigene Häufchen zu fressen und mein Pipi aufzulecken und vielleicht hätte ich sonst den 26. September 2006 auch nicht mehr erlebt.

Da passierte nämlich etwas zunächst sehr Beängstigendes: rund um dieses dunkle Hundegefängnis waren plötzlich viele Menschenstimmen zu hören, die brachen die Schlösser und Ketten an den Türen auf und es wurde hell und laut um uns herum. Fremde Menschen kamen hinein und redeten mit uns, manche weinten und liefen wieder nach draußen, um den Mut zu fassen, uns zu befreien. Manche von meinen Hundekollegen winselten und jaulten, manche hatten panische Angst. Vor allem, als die Menschen begannen uns zu locken und einzufangen.

Sehr, sehr lange schon waren wir nicht mehr von einem Menschen berührt worden und viele von uns wollten nur weg und fliehen. Einige waren aber auch so am Ende ihrer Kräfte, dass sie alles mit sich geschehen ließen und ich habe später gehört, dass einige von ihnen so schwach und krank waren, dass sie nun im Hundehimmel sind.

Auch für mich war dieser Tag und die Zeit danach, in der Erinnerung nur ein unglaublicher Strudel an Stress und Angst. Es passierten viele Dinge mit mir, die ich noch nie in meinem Leben erlebt hatte. Menschen fassten mich an, hielten mich fest, untersuchten mich von Kopf bis Fuß, es gab Spritzen, es gab Tropfen, Pasten, Tabletten, es gab plötzlich einen Himmel über mir und Gras unter meinen Pfoten und andere Hunde nahe um mich herum, ich konnte hin und her laufen und mich bewegen.

Auch, wenn man dies kaum glauben kann: das war ganz schön schwer für mich. Heute weiß ich, dass das alles gut gemeint war und mir all dies auch das Leben gerettet hat, aber damals wollte ich nur noch allem ausweichen, was um mich rum war. Niemand und nichts durfte mir nahe kommen – ich wollte einfach nicht – ich konnte nicht mehr – und wenn Linda und Bernd vom Biohof Geißblatt, denn so hieß der Tierschutzhof an dem ich nun war, auch noch so einfühlsam und vorsichtig waren; ich dachte nur: macht was ihr wollt, aber ohne mich. Futter gab es plötzlich reichlich und regelmäßig, aber es hing da immer ein Mensch dran. Nun gut, auch ich musste Prioritäten setzen und Menschen mit Futter, wenn sie dann nicht zu nahe kamen, konnte ich nach einigen Wochen ertragen, ohne in Panik zu fliehen.

So nach und nach stellte ich dann fest, dass dieser Platz hier ganz viele neue Möglichkeiten für mein Hundsein bereithielt. Aber was sollte ich nun damit anfangen. Es gab einen riesigen Hundespielplatz, aber wie spielt man als Hund eigentlich? Ich hatte da keine Erfahrung, ich wusste nicht wie es in einer Hundemeute zugeht, welche Signale wichtig sind und was sie bedeuten. Also hielt ich mich bestmöglich raus, sichert mir einen kleinen Laufstreifen am Rande des Grundstücks und lief und lief und lief. Zunächst immer auf und ab, immer in Bewegung und immer auf der Flucht vor Annäherung von Mensch und Tier.

So ging es mir körperlich bald besser, die Parasiten, die mich gequält hatten, waren bekämpft, ich bekam richtiges Futter und nahm etwas zu, mein Fell bildete sich an den kahlen Stellen neu und meine Muskeln und Gelenke konnten endlich benutzt werden und bauten sich so nach und nach auf. Allerdings ging es meiner verletzten Hundeseele noch immer recht elend. Ich war so voll mit der Angst und den Schrecken meines bisherigen Lebens, dass ich einfach kein Selbstbewusstsein fand. Flucht, Abwehr, Verweigerung und die abgrundtiefe Angst zu verhungern füllten mich völlig aus, und obwohl ich mittlerweile vermutete, dass Menschen auch versorgen, beschützen und behüten können, war mein Misstrauen einfach stärker und gewann immer wieder die Oberhand. Aber ich war niemals bissig oder aggressiv zu Menschen, nur fühlte ich mich einfach sicherer, wenn sie mich in Ruhe ließen.

So hatte ich mich im Großen und Ganzen auch auf dem Biohof Geißblatt mit allem arrangiert und dachte wohl, da kommt nichts mehr.

Aber nach einigen Monaten spürte ich eine gewisse Unruhe. Von den Menschen, die immer mal wieder auf den Hof kamen und mich in der Regel völlig außer Acht ließen – was mir im Übrigen nur recht war – kamen zwei und schauten gerade mich ganz ganz genau an. Ach herje und dann wollten sie auch noch gerade mit mir spazieren gehen. Obendrein gab es da auch noch eine riesige und nicht gerade liebenswürdige Schäferhündin, die da auch unausweichlich dazu gehörte. Das schlug mir doch ziemlich auf den Darm und ich musste ein Häufchen nach dem anderen machen und war völlig damit ausgelastet den Menschenhänden und der grimmigen Hundenase von Gina (der anderen Schäferhündin) auszuweichen.

Zum Glück ist nichts weiter passiert und nach einer halben Stunde durfte ich wieder zurück auf meinen Laufstreifen im Hof. Aber diese speziellen Menschen kamen immer wieder und brachten diese Gina immer mit. So nach und nach ertappte ich mich allerdings dabei, dass ich auf sie wartete und nicht mal so ganz ungerne mit spazieren ging. Dann fing es an, dass die Menschen und Gina noch mit rein kamen zum Spielen, da musste ich mich aber dann doch eher eilig verstecken und in ganz anderen Ecken des Grundstücks aufhalten. Obwohl ich bald rausfand, dass gerade diese Menschen immer ein Leckerlie einstecken hatten, dass ich auch bekam, sobald ich meine Nase in Richtung Hand streckte. Sogar, wenn ich hinter diesen Menschen herlief, kam immer mal wieder ein Häppchen. Dies Prinzip gefiel mir außerordentlich gut und diese Gina war, so fand ich bald, gar nicht so grimmig wie sie tat. Vor allem schien sie wirklich diesen Menschen völlig zu vertrauen und hatte so gar keine Angst vor denen. Das gab mir wirklich zu denken!

Und ehrlich gesagt, so ganz konkret hatte ich an diesen beiden Menschen auch bislang nichts auszusetzen. O.k., sie hatten mich bei den ersten Spaziergängen nachdrücklich überredet das Grundstück zu verlassen, aber das war schon das Unangenehmste, was mir mit ihnen passiert war. Sie waren nicht zu aufdringlich, sprachen immer ganz ruhig und angenehm und irgendwie schien gerade ich ihnen doch auch wichtig zu sein.

Und dann passierte etwas sehr Entscheidendes in meinem Hundeleben.

Es war ein schöner, warmer und freundlicher Sommertag und ich war nun fast schon ein Jahr auf dem Biohof Geißblatt, da kamen –mal wieder mag ich fast sagen- „meine“ Menschen mit Gina zum Spaziergang vorbei und danach spielten wir noch ein wenig im Garten und ich hatte schon reichlich Leckerlies bei dem Spiel „Ich-folge-dem-Mensch“ abgeschnappt, als ich völlig überraschend so schwuppdich in einem Auto saß und ehe ich mich versah, stand ich in einem großen, fremden Garten in dem ich von Gina und „meinen“ Menschen begrüßt wurde. Zum Glück gab es jede Menge Versteckmöglichkeiten, welche die Menschen und Gina mich dies ganz in Ruhe erkunden ließen. Aber so ganz alleine wollte ich dann doch nicht sein und ging auf die Suche nach den anderen, die völlig entspannt auf einer Terrasse zusammen saßen, also lief ich wieder rund ums Grundstück und wieder zur Terrasse, da saßen sie immer noch und rund ums Grundstück und zur Terrasse und dies immer und immer wieder. Doch bald war ich müde und erschöpft von dieser Rumrennerei und legte mich in Sichtweite der Terrasse ab.

Gerade da kam mir die Sache mit den Leckerlies in den Sinn, denn jemand, der wie ich jahrelang gehungert hat, kann das auch in solch einer Situation kaum vergessen, und so schlich ich mich an, um auszuprobieren, ob das Prinzip Nase – Hand – Leckerlies auch hier funktioniert. Und siehe da, bei all dem Neuen und Unbekannten, dies funktionierte auch hier, was mich wirklich total erleichterte und meine immer wieder aufkeimende Angst, was ist denn nun schon wieder neu, konsequent beschwichtigte.


Und nun ging alles ganz schnell, die Tage in meinem neuen Zuhause vergingen wie im Fluge und zu meiner ganz großen Überraschung konnte ich mich völlig mühelos daran gewöhnen ein Haushund zu sein.

Ganz viel hat mir dabei geholfen, dass Gina mit „unseren“ Menschen so völlig zufrieden ist und, dass das Zusammenleben sich so gelassen und harmonisch gestaltet. Dinge, die ich nicht weiß, wie z.B., dass ich nicht auf den Tisch krabbeln soll, um mir Butter und Brot zu holen oder dass Häufchen und Pippi ausschließlich nach draußen gehören, bekomme ich ganz hundevernünftig erklärt, ohne dass da irgendwie bedrohliche Aufregung herrscht. Wenn ich mal unsicher bin, was denn nun eigentlich geht und was nicht, dann schaue ich einfach, wie Gina das macht und dann mache ich es nach und meine neue Welt kommt so Stück für Stück in Ordnung. Gina ist nämlich wirklich kein bisschen so grimmig, wie sie scheint. Nur wenn ich mal gar zu eifrig bin und sie in ihren Schläfchen störe, schimpft sie mich manchmal tüchtig aus.

Aber auch da habe ich dazu gelernt und schläfere jetzt einfach mit und sammele Kraft und Energie um gemeinsam mit Gina unseren Hobbys zu frönen: Katzen auf den Baum zu jagen und den Garten umzugraben. Auch bei den täglichen Spaziergängen sind wir uns immer einig und wenn da ein Mauseloch oder Erdhügel besonders sorgfältig inspiziert und umorganisiert werden muss, dann tun wir es eben (dann können unsere Menschen noch so viel an der Leine rumzerren!). Interessant ist auch, dass sich die Menschen immer freuen, wenn ich mit dem Schwanz wedle oder ihnen einfach mal so nahe komm. Wenn ich dann noch mein Repertoire an variantenreichen Wohlfühlgeräuschen zum Besten gebe, sind alle immer ganz aus dem Häuschen und loben mich ganz besonders dafür und erzählen mir, was ich doch für ein toller Hund bin. Das tut mir wirklich gut! Was allerdings auch Gina überhaupt nicht versteht, ist mein ständiges Bestreben mich mit Futter zu versorgen. Wenn ich mal wieder bettelnd am Tisch meiner Menschen stehe oder den Garten nach Fallobst absuche, schüttelt sie nur den Kopf. Im Prinzip weiß ich ja, dass es täglich, regelmäßig und supergutes Futter gibt, aber es ist nie genug und dass ich in ein paar Wochen 5 kg zugenommen habe, das hat nun wirklich gar nichts zu heißen!


Was ich noch gelernt habe ist, dass ich MALA bin und dass es sich wirklich lohnt auf diesen Namen zu hören! Wenn ich dann komm, gibt es Leckerlies oder andere feine Dinge, die ich mittlerweile echt zu schätzen weiß, wie z.B. Popo kraulen oder Ohrchen knuddeln. Denn auch wenn ihr es kaum glaubt, Menschen können echt ganz wunderbar praktisch für uns Hunde sein, denn außer, dass sie den Dosenöffner haben und wissen wie der Kühlschrank aufgeht, können sie streicheln, kraulen, knuddeln, ermutigen, wenn man Angst hat, die Haustür aufmachen, mit uns spazieren gehen und…. und das ist wohl das wichtigste von allen: uns einfach lieb haben, so wie wir sind!

Ich habe Euch diese Geschichte erzählt, um interessierten Hundemenschen Mut zu machen, auch einem Hund ein Zuhause zu geben, der bisher noch nicht die Chance hatte, ein Zusammenleben mit Menschen zu erleben. Wir Hunde sind so viel klüger, als man gemeinhin glaubt und wenn es jemand wirklich gut mit uns meint, ein wenig Geduld hat und uns mit unseren Besonderheiten annimmt, dann steht einer echten Beziehung nichts im Wege.

 Viele Grüße von Eurer MALA